Annie Saumont: Anniversaire


Erstmalige Übertragung ins Deutsche

von SchülerInnen der Klasse 10a des Wilhelm-Remy-Gymnasiums / Juni 2002


© Fabian Friedrich, Oliver Hahn, Florian Hoffstadt, Jessica Schneider, Sebastian Thiemann, Tarek Touil, Jan Wambach



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Geburtstag



Alt. Zu alt. Ich mag die Alten nicht. Alt. Faltige, trockene Haut. Könnte mal etwas Creme benutzen. Aber das würde kleben, wenn sie einen küsst. Ich mag die Küsschen der Alten nicht. Meine Mutter hat gesagt, Ich glaube nicht, dass Madame Vignon Dich küssen wird.

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Jung. 13 Jahre. Die Jungen zehren an meinen Kräften. Sind schlecht erzogen. Ihre Mutter hat mich gebeten, sie für zwei oder drei Tage aufzunehmen. Ich nehme das Mädchen während sie (die Mutter) ihre Schwester besucht. Die Familie, Verwandtschaft, das zählt. Aber sie (die Mutter) hätte die Göre auch zu ihrer Tante mitnehmen können. Und zu ihrem Onkel. Allein die Tatsache, dass ihr Vater nicht mehr da ist, er fehlt ihr zweifellos.

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Mama hat gesagt: Nimm einen Comic mit und dann sei ruhig. Die Alte fragt aber bestimmt, Was liest Du denn da. Ich würde mich nicht trauen ihr die Stripperinnen der Bar zu zeigen, in die sich der Mörder geflüchtet hat. Davon würde sie nur Altpträume bekommen.

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Es scheint, dass sie nicht einfach ist, dieses Mädchen. Ein Brüllaffe, ja sie brüllt im Treppenhaus. Eines Tages habe ich meine Wohnungstür aufgemacht, Entschuldigung, könntest Du bitte diesen Lärm beenden? Ich habe höflich darum gebeten, nicht bösartig. Sie schrie los, dass Alte in Altenheime gehören. Monsieur Bruce, aus dem zweiten Stock beschwert sich auch, eines Tages hat sie die Bemerkung losgelassen, dass er ihr auf den Sack gehe. Mit über achtzig Jahren hat er noch Humor, er hat gesagt, wie geht das denn, bitteschön? Da müssen die Jugendlichen aber lange suchen, bevor sie so jemandem begegnen.

Nehmen wir einmal an, das Kind hätte diesen Vorfall ihrer Mutter erzählt, als Beispiel für eine freche Antwort. Sie (die Mutter) hätte es dann auch noch weitererzählt. Der arme Bruce, es hätte gereicht, dass man ihn wegschließt. Aber die Göre hat nichts gesagt, Respekt.

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Mama textete mich zu, es ist doch nicht schlimm, zwei Tage bei Madame Vignon. Nach der Schule gehst du direkt zu ihr. Dann hilfst Du ihr ein bisschen im Haushalt. Ich decke schön den Tisch für das Abendessen, es gibt Suppe und ein Ei. Zum Nachtisch Joghurt. Baaaahh. Wenn das Geschirr gespült ist, holt Madame Vignon ein Gesellschaftsspiel heraus. Wenn sie gewinnt, wird sie die Bescheidene spielen. Und dann penne ich auf dem Sofa, ein Sofakissen als Kopfkissen.

Gesellschaftsspiel - das wäre ja eigentlich zu schön. Nein, sie wird mit mir über die Schule sprechen, über Orthographie und Algebra. Sie erzählt dann, wie gut sie früher in der Schule war. Aber war sie wirklich einmal jung, man braucht sie nur anzugucken und es kommen einem starke Zweifel.

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Was soll ich bloß kochen? Für das Wachstum sind Proteine unverzichtbar, Rohkost ist notwenig. Früchte der Saison. Vollkornbrot muß auch auf meine Einkauksliste. Es würde mich nicht wundern, wenn sie eine Nörglerin ist. Zu meiner Zeit mussten Kinder ihre Teller einfach leer essen. Heutzutage weiß man nicht mehr, wie man sie zufrieden stellen kann.

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Als ich vom Sport nach Hause ging bin ich an einem Blumenladen vorbeigekommen, der wegen Räumungsverkauf seine Sträuße ganz preiswert anbot. Ich sah mich schon wie ich mit einem Strauß Blumen in der Hand bei der Alten ankomme, ja das wäre cool. Einen Strauß, sagte ich. Und ich war stolz ein Wort zu benutzen, das mal nicht ordinär ist, Könnten Sie noch einen Zweig Schleierkraut hinzutun?

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Das hätte ich mir nicht träumen lassen, sie brachte mir Blumen mit. Ich hoffe, dass sie sie nicht geklaut hat. Jetzt bin ich wieder misstrauisch. Ich nehme es als nette Geste an. Ein Zeichen für Freundschaft. Ich bin ganz gerührt

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Genial. Die Sache mit den Blumen. Sie sagte, na so was, und das ist doch nicht nötig und dass es doch gar nicht ihr Geburtstag sei. Ich sagte, ich weiss, ja eigentlich ist mein Geburtstag, ja, es stimmt, ich hätte gar nicht mehr daran gedacht. Die nahm ein riesiges, leeres Glas Essiggurken aus dem Schrank, wie lange hatte sie wohl gebraucht um es alleine leer zu essen, mindestens zehn Jahre, sie hat es in den Ausguss gestellt und drehte den Wasserhahn auf und brachte das Wasser zum Überlaufen, ein Beweis dafür, dass man ihnen noch nie das Wasser wegen unbezahlter Rechungen abgestellt hatte. Meine Anemonen im Gurkenglas. Geil.

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Der erste Abend ist eigentlich ziemlich gut verlaufen. Vorausgesetzt, dass sie (die Mutter) am Montag wiederkommt, wie vereinbart. Wenn man eine Tochter hat, sollte man besser nicht an ihrem Geburtstag unterwegs sein. Jede normale Mutter würde einen Kuchen backen. Also, dann werde ich ihr, dem Mädchen, halt selber einen machen. Ich höre Monsieur Bruce schon sagen, Geben Sie sich bloß keine Mühe für so eine Nervensäge. Monsieur Bruce ist etwas aufbrausend, das liegt am Alter. Und... wenn ich ihn einladen würde - wir könnten ja alle drei gemeinsam zu Abend essen. Und zum Nachtisch gibt's dann Geburtstagskuchen mit Kerzen. Danach Kaffee.

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Schlampe. Meine Mutter. Lügnerin. Hure. Ich ging in unsere Wohnung, um mir neue Klamotten zu holen als das Telefon klingelte. Tante Eliane. Sie fragte, Ist meine Schwester nicht da? Ich wollte ihr gerade sagen, Mama ist doch bei Dir. Und plötzlich habe ich kapiert. Das war nichts als leeres Gerede. Mama ist weg und ich ich weiß nicht wohin und ich weiß nicht mit wem. Ein Typ. Sie hat mich bei der Alten abgeladen während sie mit einem Typ rummacht.

Ihre Madame Vignon, ich habe mich entschieden sie nicht mehr die Alte zu nennen, aber ich habe Schiss. Die Alte kann jedoch nix dafür. Mal abgesehen davon, dass sie mir auf die Nerven geht, wenn sie ständig wiederholt, dass man sich im Leben gegenseitig helfen muss. Sie sagt, einsam, ein grausames Wort, solidarisch, das sei ein viel besseres Lebensmotto. Und nun hat gerade in der Schule, der Lehrer, der überhaupt nix drauf hat, ein Referat von einer Seite über Solidarität verlangt.

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Anruf bei Monsieur Bruce, der gerade von seinem täglichen Spaziergang wiederkam. Er hat gesagt: Oh, Madame Vignon, das ist aber nett, in Ordnung, ich rasiere mich und binde mir noch schnell eine Krawatte. 8 Uhr, wenn´s Ihnen recht ist, sagte ich.

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Es war so nett, dass die solidarischen Einsamen mit mir gefeiert haben. In ihren Sonntagsklamotten. Ich habe mich auch in Schale geworfen. Der Alte hat gesagt, eine wahre Prinzessin. Ich habe gelacht. Dann hatte ich Lust zu heulen. Nun habe ich mein Referatsthema für den Scheiß-Lehrer: Von der unwürdigen Mutter im Stich gelassen, verdankt ein Mädchen ihr Überleben nur der Warmherzigkeit einiger Senioren. Man könnte meinen, das sei ein Witz. Egal. Ohne sie wäre ich aus dem Fenster gesprungen.

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Ich habe das Fenster geschlossen. Wegen des Durchzugs. Ich habe gesagt, nun, hör mal, sei doch vernünftig. Gerade eben hat deine Mutter angerufen. Sie kommt morgen zurück. Ich finde ja auch, dass sie Dir keine Geschichten hätte erzählen sollen. Sie hat sich nur nicht getraut, es Dir zu erklären. Vergib ihr. Und puste Deine Kerzen aus.

Meine alte Frauenstimme zitterte, ich habe wiederholt. Ja, sie wird morgen wieder da sein wir heben ihr ein Stückchen Kuchen auf. Ich habe auch gesagt, hey, weißt Du was --- Aber ich habe es nicht über die Lippen bekommen. Nach zwei Stück Kuchen, war es dann raus. Deine Mutter kommt wieder mit ---- Nun, rate mal wen sie mitbringt.

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Ich war sprachlos und dann habe ich geschrien. Ja, geschrien. Papa- Mama. Zum Heulen bin ich zu alt, aber geschluchzt habe ich schon. Madame Vignon hörte auf, sich Sorgen um mich zu machen. Sie hat mir noch einmal gratuliert. Da habe ich sie sogar geküsst. Auf beide Wangen. Ihre Haut ist eher weich. Küsschen auch für Opa Bruce. Höllisch gut brauchen die Alten ja nicht mehr auszusehen in ihrem Alter, aber zumindest war er ganz glatt rasiert.